Eine filmische Reise nach Marokko: Exkursion zum „Festival du film arabe“ in Fameck

Marokko – ein Land, das wir kaum kennen, eine Kultur, die uns fremd ist. Das Land, auf dem der Fokus des Festival du film arabe de Fameck 2016 liegt! Und nach nur zwei Festivaltagen scheinen uns das Land, seine Kultur, sein Kino dann doch nicht mehr so fremd. Das Interesse ist geweckt, die Neugier groß…!

Für einen kleinen Teil unserer vierzehnköpfigen Gruppe begann alles bereits im Sommersemester 2016 in einem Kurs von Frau Gilzmer zum marokka-nischen Film, wo wir erste Kenntnisse über die Filmkultur des Landes sammeln konnten. Die anderen sind noch „Frischlinge“. Gespannt treffen wir uns alle am Freitagmorgen im Hôtel de Ville de Fameck – was genau erwartet uns?

Ein Empfang mit Croissants, Pains au chocolat und Kaffee ist die erste von zahlreichen schönen Überraschungen. Dann beginnt das Programm mit einem Vortrag von Mohamed Layadi, dem Präsidenten des Medis Network (Mediterranean Distribution Network; zur Förderung der Verbreitung von Filmen aus Mittelmeerländern sowie der Ausstrahlung ausländischer Filme in diesen Ländern), Filmverleiher und Kinobesitzer. Er skizziert die marokkanische Kinolandschaft, die sich von der Deutschen durchaus zu unterscheiden scheint. So hat zwar auch in Marokko die Ankunft der Multiplex-Kinos viele kleine Säle und die indische Filmkultur in den Ruin getrieben, allerdings spielen nationale und arabische Produktionen eine sehr wichtige Rolle und erlauben es amerikanischen Filmen nicht, die Spitzenposition einzunehmen. Ein Schwerpunkt des Vortrags liegt auch auf dem CCM, dem Centre cinématographique marocain, das sehr wichtig für das Aufblühen des marokkanischen Kinos war und nach wie vor ist. So fördert es sowohl die Produktion als auch die Verbreitung marokkanischer Filme und unterstützt u.a. Festivals und Kinosäle. Brigitte Aknin stellt danach in ihrem Vortrag die marokkanische Filmschule École supérieuere des Arts Visuels de Marrakech vor, für deren internationale Beziehungen sie verantwortlich ist. Diese internationale und interkulturelle Eliteschule bildet sehr erfolgreich aus.

Nach der Mittagspause, die wir zum Erkunden der Gegend nutzen können, begeistert uns der informative und dynamische Vortrag von Abderrazzak Zitouny über die Ouarzazate Film Commission, deren Leiter er ist. Er erläutert ihre Stärken und die Bedeutung der Produktionsstätte für die Region bzw. vice versa. Der anschließende Vortrag von Mourad Boucif, dem Regisseur des 2015 produzierten Films „Les hommes d’Argile“, erlaubt einen kritischen Blick auf die Branche. Karim Traidia, ebenfalls Regisseur, sorgt für gute Laune, als er Anekdoten über seinen Werdegang erzählt.

Und dann schauen wir den ersten Film, „Les hommes d’Argile“ von Mourad Boucif, der versucht das schwierige Thema der Zwangsrekrutierung von Marokkanern im Zweiten Weltkrieg aus der Vergessenheit zu holen und in unser Bewusstsein zu bringen. Das Publikum zeigt sich bei der anschließenden Diskussion mit dem Regisseur sichtlich bewegt.

Zu den Höhepunkten des Tages zählt sicher auch das von Frauen der maghrebinischen „community“ der Cité in Fameck organisierte Couscous-Essen, das zur „convivialité“ einlädt und die marokkanische Kultur über das Essen näher bringt.

Zum Abschluss des Tages stehen die beiden Filme „Hedi“ (Mohamed Ben Attia) und „Tour de France“ (Rachid Djaidani) zur Wahl.

Der zweite Festival-Tagbeginnt für eine kleine Gruppe bereits um 9 Uhr mit der Filmprojektion „La route d’Istanbul“ (Rachid Bouchareb). Das Publikum begleitet eine Mutter auf der Suche nach ihrer Tochter, die sich dem IS angeschlossen hat und von Belgien aus nach Syrien in den Krieg ziehen will. Eine Stärke des zum Nachdenken anregenden Films ist, dass er für Einzelschicksale sensibilisiert.

Im Anschluss bleibt Zeit zum Bummeln und Essen auf dem arabisch geprägten Wochenmarkt von Fameck, bevor wir uns dann alle gemeinsam zu einer internen Vorbesprechung und kurzen Analyse des Films „The sea is behind“ (Hicham Lasri) treffen, den wir im Anschluss ansehen werden. Im Mittelpunkt des zuweilen surreal anmutenden Films steht Tarik, ein H‘Dya, der als Frau verkleidet traditionell auf Umzügen tanzt. Ihm scheint jegliche emotionale Beteiligung am Geschehen in seinem dysfunktionalen Umfeld zu fehlen. Der Film ist in schwarz-weiß gehalten. Der Regisseur nutzt beinahe kontinuierlich die filmischen Mittel, um dem Zuschauer mitunter zu verstören und ihm so die eigene Wahrnehmung(sprägung) be-wusst zu machen. Dies geschieht nicht nur auf formaler, sondern gerade auch auf inhaltlicher Ebene. Durch die Aufhebung der linearen Erzählweise durch harte Schnitte und inhaltliche Sprünge wird die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit visualisisiert und auf Verdrängtes und Tabus, wie  Travestie, Homosexualität hingewiesen. Gleichzeitig werden die traditionellen Geschlechterrollen in Frage gestellt.

Es folgt die DokumentationRaja Bent El Mellah“. Abdeliah Eljaouhary folgt in diesem aktuellen Film der Schauspielerin Najat Bensalem auf ihren Streifzügen durch Marrakech. Sie ist besser bekannt unter dem Namen der fiktiven Figur Raja, die sie im gleichnamigen Film von Jacques Doillon verkörpert hatte. In einer Gesellschaft, in der religiös begründete rigide Moralvorstellungen zunehmend an Bedeutung gewinnen, wird die filmische Darstellung der Liebesbeziehung zwischen einer Marokkanerin, verkörpert durch Najat, und einem Franzosen als unsittlich angesehen. Najat wird derart mit  ihrer Rolle identifiziert, dass ihr diese Beziehung auch in der realen Welt vorgehalten wird. Thema des Films ist die Konfrontation und der Umgang der Protagonistin mit diesem Konflikt sowie ihre schwierige Lebenssituation in größter Armut.

Im Anschluss an den Dokumentarfilm bietet sich die Gelegenheit, der Table Ronde „L’indépendance de la presse en France et en Algérie“ beizuwohnen. Anlass ist der zuvor gezeigte Film „Contre-Pouvoirs“ (Malek Bensmaïl).

Nach einem intensiven Austausch mit marokkanischen Regisseuren bei einer leckeren Tajine als Abendessen, sehen wir uns einen Film aus dem Libanon an: „Tramontane“. Vatche Boulghourjian erzählt die Geschichte des blinden Musikers Rabih. Als dieser einen Reisepass beantragt, um mit seiner Musikgruppe einer Einladung nach Europa zu folgen, findet er heraus, dass alle Dokumente, die seine Identität betreffen, entweder gefälscht sind oder nicht zu existieren scheinen. Er findet nach einer langen Suche heraus, dass er nicht bei seinen biologischen Eltern lebt, sondern illegal adoptiert wurde. Der Film beeindruckt nicht zuletzt durch seine zahlreichen Musikeinlagen.

Bei der Abreise würden wir am liebsten noch länger bleiben. Eines steht auf jeden Fall fest: Marokko wird uns so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wie wäre es mal mit einem Besuch?

Wir alle bedanken uns herzlich bei Frau Gilzmer für die tolle Organisation und ihr Engagement!

Von Nicola Veit & Felix Wiethaus

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