Exkursion zur Frankreich-Bibliothek in Ludwigsburg

Vom 18.-22. Juni war eine Studentengruppe von der Universität des Saarlandes mit den Professoren Mechthild Gilzmer und Dietmar Hüser zu einem Forschungsseminar in der Frankreich-Bibliothek zu Gast. Thema der Veranstaltung waren – den aktuellen Ereignissen entsprechend – die „Präsidentschaftswahlen in Frankreich 1962-2017 – Wahlkämpfe, Wahlergebnisse, Wahlanalysen“.

Dietmar Hüser erklärt, warum er schon seit neun Jahren, mit Studenten nach Ludwigsburg kommt: „Unsere Fachbibliothek in Saarbrücken ist sehr gut ausgestattet, aber die Bibliothek des dfi bietet in einem überschaubaren Raum doch sehr viel mehr Material zu den Themen, die wir bearbeiten. Vor allem aber finden wir hier eine ganz hervorragende Arbeitssituation vor.“

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Die Gruppe aus Saarbrücken vor dem Eingang der Frankreich-Bibliothek. Quelle: dfi.

„Hier ist“ ergänzt Mechthild Gilzmer „ein Austausch möglich, den wir so im Uni-Alltag nicht bieten könnten. Selbstständig Quellen und Literatur studieren und auswerten zu können, sich bei Bedarf in einem Zweiergespräch mit seinem Dozenten austauschen zu können, seine Ergebnisse mit anderen Studenten und im Gruppenplenum erklären und diskutieren zu können, das ist in meinen Augen eine ideale Lernsituation. Auch abends, wenn wir gemeinsam den Tag ausklingen lassen, gehen die Gespräche über die verschiedenen Fragestellungen, zu denen wir hier forschen, lebhaft weiter.“

Schwierigkeiten, im Bereich Politikwissenschaft und neuere Geschichte Interessenten für die teilweise sehr spezifischen Frankreichthemen zu finden, bestehen an der Universität in Saarbrücken nicht, sagt Dietmar Hüser: „Im Saarland lernen – für uns zum Glück – 80% der Gymnasiasten Französisch als erste Fremdsprache, die Fähigkeit, Texte in dieser Sprache lesen und bewerten zu können, haben also die allermeisten. Der Kenntnisstand der mitgereisten Studenten ist allerdings sehr unterschiedlich – eine Teilnehmerin schreibt hier ihre erste Hausarbeit, andere sind schon Masterstudenten.“

Und wer stellt die Forschungsthemen? Mechthild Gilzmer: „Früher haben wir den Studenten bei der Formulierung ihrer Fragestellung viel Freiheit gelassen, einige mussten dann aber frustriert feststellen, dass es zu deren Beantwortung kaum Material gab. Deswegen begleiten wir die Vorbereitung der Themen nun enger: In einer ersten Vorbereitungssitzung stellen wir den thematischen Rahmen vor und bitten die Studenten, sich zu überlegen, was sie dazu machen möchten. Bei einem zweiten Treffen besprechen wir die verschiedenen Vorschläge und legen gemeinsam die Themen der Hausarbeiten, die ja jeder Teilnehmer im Anschluss an unseren Aufenthalt in Ludwigsburg schreiben sollte, fest.“

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Dietmar Hüser, Mechthild Gilzmer, Norah El Gammal und Bob Weber. Quelle: dfi.

Norah El Gammal, Studentin im Bachelor-Studiengang Französische Kultur-wissenschaften und Interkulturelle Kommunikation, möchte herausfinden, warum Franzosen soziale Gerechtigkeit anders definieren und sie dem Sozialismus bzw. seinen Ideen positiv gegenüber stehen: „In Deutschland wird das Gefälle zwischen arm und reich immer größer, fast 13 Mio. Menschen leben in Armut oder sind von ihr bedroht. Ich frage mich deshalb schon seit Längerem, warum hier Vorschläge zur Umverteilung des Reichtums auf so wenig Resonanz stoßen. In Frankreich hat der Kandidat der Bewegung la France Insoumise (FI) mit Forderungen nach einem Maximaleinkommen von 360.000 € jährlich der und einer deutlichen Anhebung des Mindestlohns fast 20% der Stimmen erreicht, wohingegen „die Linke“ vor allem in den alten Bundesländer mit ähnlichen, aber weniger radikalen Vorschlägen kaum Wähler mobilisieren kann. Ich vermute, dass in Frankreich gesellschaftlicher Zusammenhalt und gegenseitige Solidarität als höherer Werte angesehen werden, „links zu sein“ ist positiv besetzt. In Deutschland ist der Gedanke der wechselseitigen Solidarität weniger stark im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert, gleichzeitig sind sozialistische Ideen auch wegen der DDR-Vergangenheit eher verpönt.“

Bob Weber, Student im Master-Studiengang Geschichte in europäischer Perspektive, ist der Frage nachgegangen, welche Rolle das Fernsehen im Präsidentschaftswahlkampf 1965 gespielt hat: „Es war das erste Mal, dass sich die Kandidaten in diesem damals noch jungen Medium präsentieren konnten. Allerdings gab es keine Debatte, jedem Bewerber stand ein zweistündiges Zeitfenster zur Verfügung, in dem er seine Ideen in Interviews mit Fernsehjournalisten präsentieren konnte. Charles de Gaulle wollte sich interessanterweise zunächst nicht interviewen lassen, weil er dem Fernsehen kritisch gegenüberstand und der Meinung war, sowieso gewählt zu werden. Seine Berater haben ihn dann aber doch überzeugen können, vor der Kamera Fragen zu beantworten, insgesamt ist er aber nur 20 Minuten als Wahlkämpfer im Fernsehen aufgetreten. In den 60er-Jahren war das französische Fernsehen noch eine Art Staatsfernsehen, deshalb habe ich untersucht, wie der Wahlkampf dort „unter staatlicher Kontrolle“ in der freien Presse – dem Express, le Monde und Paris-Match – dargestellt wurde.“

Dieser Artikel ist im Newsletter dfi aktuell, Ausgabe 3/2017, erschienen. Sie finden ihn unter diesem Link.

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